"Nach 50 Jahren — endlich angekommen" Mit dieser Titelüberschrift beschreiben wir im neuen AEE-Magazin den langen Weg zur Frauenordination in der ELKB. Seit dem 8. März 2025 bis zum 1. März 2026 soll unter dem Motto „Kirche. Feiert.Frauen“ daran gedacht werden, dass seit 50 Jahren endlich auch Frauen als Pfarrerinnen in der bayerischen Landeskirche ordiniert werden. Wir führten dazu ein Interview mit Pfarrerin Barbara Dietzfelbinger (Jahrgang 1935), die schon einige Arbeiten zur Kirchengeschichte Bayerns publiziert hat.
Frage: Es war ein langer Weg dahin. Wie haben Sie diesen Weg erlebt?
Barbara Dietzfelbinger: Berlin oder München, uniert oder lutherisch — der Weg ins Pfarramt war für Theologinnen in EKD und VELKD stei nig. Im Folgenden biete ich eine kleine Sammlung von persönlichen Erfahrun gen in der Berlin-Brandenburgischen und in der bayerischen Landeskirche, bei deren Erzählung doch noch einmal Empörung aufflammt.
Meine erste Pfarrkonferenz (1960) als Lehrvikarin in einem Ostberliner Kirchen kreis begann damit, dass der Super intendent mich beiseite nahm und mir den Küchendienst übertrug. Das sei im mer so. Meine Vorgängerin hatte mich bereits darüber instruiert. Ich lachte, ich lachte, weil ich ihr nicht geglaubt hatte. Ich war vom Jesuswort ausgegangen, „bei euch soll es nicht so sein“. Wütend geweint habe ich dreißig Jahre später in einem Kapitelseminar der ELKB: Ein gu ter (Frauen)Freund hatte die Leitung des Abschlussgottesdienstes übernommen. Und mich für die Abendmahlsliturgie eingeteilt. Am Abend vorher bat mich die Ehefrau im Auftrag ihres Mannes, davon abzusehen. Unter den Teilneh menden sei ein strikter Gegner der Frauenordination, der sich von der Ge meinschaft ausgeschlossen fühlen wür de. Und ich? Mein besorgter Vater, Berliner Pfarrer, hatte seine Tochter bei der Wahl des Theologiestudiums (1955) gefragt, ob sie sich DAS antun wolle. Sie werde wohl zölibatär leben müssen. Für eine allein stehende Frau gab es Epitheta wie Blaustrumpf, verklemmt oder übriggeblieben etc. OKR i. R. Gudrun Diestel (1929-2024) er zählte, ihr sei in Tübingen vom Theolo giestudium mit der Warnung abgeraten worden, dass „die ja alle einen Nerven zusammenbruch erleiden würden“. * Kritische Kommentare der Mitstudenten (sic) begleiteten auch in Berlin (Kirchliche Hochschule Zehlendorf) die wenigen Frauen. Verbarg sich da Angst vor Kon kurrenz, als im homiletischen Seminar gefragt wurde, ob der Anblick einer Frau auf der Kanzel nicht vom „Eigentlichen“ ablenke? 1961 heiratete ich Vikar Wolfgang Dietz felbinger und zog nach Augsburg mit dem Ersten Theologischen Examen und dem Vikariat in der Tasche. „Verkämpfe dich dort nicht“, hatte mir eine Berliner Kol legin mit auf den Weg gegeben. In der Tat, der Tipp war gut, manche bayeri schen Kolleginnen waren drauf und dran, ihre Landeskirche zu verlassen. Ich hing als verheiratete nicht bayerische Theo login, ohne Anstellungsprüfung, in der Luft. Erst zwölf Jahre (1973) später, inzwischen waren die fünf Kinder geboren, bot sich die Gelegenheit, die Prüfung als Gast nachzuholen, ohne Anspruch auf eine Anstellung in der ELKB. Warum tun Sie sich das an?, fragte der prüfende Oberkir chenrat im Predigtnachgespräch, selbst ein bekennender Gegner der Frauenordination, Sie sind doch Mutter!
Frage: Der Kampf um die Frauenordination war eine Art Hürdenlauf. Es gab Wider stände aus verschiedenen Ecken, aber es gab auch Unterstützer. Wo haben Sie Widerstände und Vorurteile, wo Unter stützung und Ermutigung erlebt?
Barbara Dietzfelbinger: Die anhaltende Diskussion mit Landesbi schof Dietzfelbinger, meinem Schwieger vater, um einen Ort für die theologisch gebildete Frau in der bayerischen Landeskirche führte ich privat, nicht öf fentlich. Augsburger Pfarrfrauen luden mich ein, den Weltgebetstag 1962 mit ihnen zu feiern. Hermann Dietzfelbin ger war beruhigt, dass ich nicht auf der Kanzel gestanden war und meine Rede nur zwölf Minuten gedauert hatte, also keine Predigt gewesen sei, unerlaubt für eine Frau. Ich konnte mich in dieses Denken nicht hineinversetzen. Unbefangen informierte mich die Leiterin des Bayerischen Mütterdienstes Liese lotte Nold (1912-1978) über die Vorgänge in der Landessynode. An fang der Sechzigerjahre war von ihr und Ingeborg Geisendorfer (1907-2006) eine öffentliche Diskussion über die ungerechte Bezahlung der Vikarinnen ange stoßen worden. Männer hätten nicht mit derben Sprüchen ge spart wie „ Viehverrecken, großer Barbara Dietzfelbinger Schrecken; Weibersterben, kein Verder ben! Predigthalten und Suppenkochen, das geht nicht zusammen.“ Sie sollten Diakonissen werden, hieß es herausfor dernd. Voten und Anekdoten kursierten in einer solidarischen kirchlichen Frauenszene. Wir fingen gerade selbst an, zu verstehen, an welchen patriarchalen Strukturen wir uns rieben. Dankbar erinnere ich mich an Hertha Atzkern, Mitglied des LSA (1926-2017), leidenschaftliche Kämpfe rin für die Anerkennung der Frauen in der Kirche, und meinen Freund Dekan Karl Gotthelf Pfannschmidt (1928-1997), der mich auf seine Kanzel ließ.
Frage: Nun hat — vielleicht als letzter Schritt auf dem langen Weg — die Landessy node beschlossen, dass 40 bis 60 Pro zent der kirchlichen Leitungsämter mit Frauen besetzt werden müssen. Nach dem wir spätestens bis 2040 die Parität bei den Pfarrpersonen erreicht haben werden, aber noch lange nicht bei den Leitungsämtern, bedeutet das, dass bis auf Weiteres Leitungsämter ausschließ lich mit Frauen besetzt werden könn ten. War es das, was Sie sich bei Ihrem langen Kampf vorgenommen hatten?
Barbara Dietzfelbinger: 40 bis 60 Prozent kirchlicher Leitungsämter in Frauenhand… Ängstigt die Vorstellung? „Femi nisierung des Pfarrstandes“ wird als Menetekel verstanden. Ich spüre dahinter die alte überheb liche Einstellung gegenüber den Frauen, jedenfalls kein Vertrauen. Die Abgabe von Macht wird noch dauern. Deshalb ist die Quotenregelung so lange eine gute Praxis, bis sie nicht mehr eine Frage der Geschlechterge rechtigkeit sein muss. 50 Jahre Frauen ordination in der Bayerischen Landes kirche sind ja eingebunden in einen ebenso langen Veränderungsprozess der Landeskirche selbst, an dem die Frauen mitgewirkt haben. Eine numerische Um kehrung der Herrschaftsverhältnisse ist nicht meine Vorstellung, eher eine be wusste gemeinsame Ausrichtung an der vielfältigen Expertise von Frauen und Männern, um segensreich im Team mit einander wirken zu können. Alte Ver haltensmuster werden zur Zeit neu be lebt. Aber der Weg bleibt das Ziel. Das Wichtigste, was wir lernen müssen, ist, mit Kränkungen umzugehen. (Gudrun Diestel).
Die Fragen stellte Hans-Gerhard Koch
Barbara Dietzfelbinger geb. Rettig, Jahrgang 1935, verheiratet mit Pfarrer Wolfgang Dietzfelbinger, fünf Kinder; Theologiestudium in Berlin und Heidelberg; Referentin im Fachbereich Gemeindebezogene Frauenarbeit beim Bayerischer Mütterdienst Stein bei Nürnberg; Dozentin am Missionskolleg Neuen dettelsau; Pfarrerin an der Deutschen Gemeinde TeneriffaNord; publizierte Arbeiten zur Kirchenge schichte Bayerns.